
4. April 2002, 02:16, Neue Zuericher Zeitung
Lichte Wueste und bunte Pharaonenbilder
Sehenswuerdigkeiten aller Zeiten in Aegyptens
westlichen Oasen
Bei einer Fahrt von Kairo nach Bahariya,
der Noerdlichensten von Aegyptens Oasen, scheinen
die 340 Kilometer Wuetenstrasse rasch trostlos.
Unweigerlich stellt man sich vor, wie wohl
den frueheren Karawanen-Reisenden auf dem
14-taegigen Marsch durch die unendlich scheinende
braeunliche Ebene zumute gewesen sein mag.
Ein Picknick-Halt reisst uns aus der nachdenklichen
Stimmung. Jenseits der Autotüren gewinnt
die kahle Landschaft sogleich an Raum. Die
Luft ist wunderbar erfrischend, der saubere,
zartgelbe Sand laet zu einem Spaziergang
ein. Nun entdeckt man im Westen einige silbrig
schimmernde Sichelduenen und im Osten, gleich
neben der Bahnlinie, die parallel zur Strasse
verlaeuft, ein paar Tierspuren. War es ein
Wuestenfuchs? Man laest ein paar Reste dort
liegen - wenn nicht der Fuchs, so werden
sich ein Maeuschen oder gar eine Schlange
daran laben.
Rueckkehr zum Leben
Endlich taucht der Steilabfall der Oase Bahariya
auf. Deutlich tritt der Ursprung dieses pharaonischen
Wortes vor Augen, das natuerlicher Kessel bedeutet.
Gemeinsam mit den Oasen der Libyschen Wueste
- Farafra, Dakhla und Kharga - liegt Bahariya
an einer geologischen Senke, die ungefaehr
parallel zum Niltal verlaeuft. Hier hat sich
waehrend der letzten Eiszeit über undurchlaessigen
Gesteinsschichten Grundwasser gesammelt -
wo es spaeter aus eigenem Druck an die Erdoberflaeche
trat, bildeten sich Oasen. Dem Reisenden
scheint das Erreichen des Felskamms wie die
Ruekkehr zum Leben, sind doch in der Bodenvertiefung
zahlreiche gruene Flecken auszumachen. Eine
mit Kasuarinen bepflanzte Strasse fuehrt zum
Hauptort Bawiti.
Bevor man ihn erreicht, machen ein paar Schilder
auf die stattlichen sechs Hotels und Camps
aufmerksam, die dem Touristen heute in Bahariya
zur Verfuegung stehen. Wir haben uns fuer das
International Hot Spring Hotel entschieden,
da es ueber eine heisse Thermalquelle verfuegen
soll. Davon gibt es in Bahariya vier; alle
liegen in der Naehe der Gaerten, wo sie Dattelpalmen,
Oliven- und Aprikosenbaeume mit Wasser versorgen.
Das Empfangskomitee steht bereit - darunter
auch Peter Wirth, der deutsche Besitzer.
Seine Liebe zur Wueste habe ihn hierher verschlagen,
erzaehlt er spaeter beim Tee. Schon bei seiner
ersten Reise in die Westliche Wueste habe
er, der Japanologe, gemerkt, dass die sandigen
Weiten seine eigentliche Heimat seien. Den
Entschluss, ein Hotel zu bauen und fuer immer
hier zu bleiben, habe er in wenigen Wochen
gefasst, erinnert sich Wirth. Die Ausfuehrung
des Planes habe dann allerdings mehrere Jahre
gedauert.
Bakschisch fuer Mumien
Peter Wirth hatte Glueck. Kaum stand sein
Hotel, fand ein Aegyptologe suedlich von Bawiti
mehrere spektakulaere Clan- und Familiengraeber
aus roemischer Zeit. Die Geschichte dieser
Entdeckung ging um die Welt, und Bahariya
kam mit dem Tal der goldenen Mumien in
die Schlagzeilen. Touristen begannen ploetzlich
den kleinen Wuestenort mit seinen 30.000 Bewohnern
zu ueberschwemmen, und neue Hotels schossen
aus dem Boden. Wir hatten einen Boom und
waren alle ausgebucht , erzaehlt Wirth. Nach
den Terroranschlaegen vom 11.September vergangenen
Jahres seien die Touristen schlagartig weggeblieben.
Schade, sagt auch der Buergermeister, jetzt,
wo man die grossarigen Altertuemer Bahariyas endlich
restauriert und fuer Besucher zugaenglich gemacht
habe. Die lohnende Rundtour beginnt mit einem
unheimlichen Besuch von zwei der neu entdeckten
Mumiengraeber, fuer den ein stattliches Bakschisch
zu entrichten ist. Hier liegen praktisch
direkt unter dem Sandboden zahlreiche, zum
Teil sorgfaeltig bandagierte Leichname; einige
tragen weiss, golden und schwarz bemalte
Gipsmasken auf den konservierten Haeuptern
oder mit Hieroglyphen und altaegyptischen
Gesichtern dekorierte Brustplatten. Eine Frau
blickt noch im Tode mit Glasaugen liebevoll
ihren Mann an; der Leichnam eines Kleinkindes
ist fuer die letzte Ruhe auf die breite Brust
seines Vaters gebettet.
Wohlhabendes Bahariya
Der offizielle Teil des Ausflugs - hierfuer
gibt es huebsch bedruckte Eintrittskarten
- fuehrt zu den wesentlich aelteren Graebern
des Zed-Amun-efankh und seines Sohnes Bannantiu.
Die beiden Maenner tragen keine Titel, doch
die farbenfrohe und grosszartige Ausstattung
der Graeber aus dem 6. vorchristlichen Jahrhundert
belegt ihre wichtige Stellung in einer prosperierenden
Gemeinde. Bahariya war damals der wichtigste
Weinproduzent ؤgyptens und Raststaette der
Karawanen zwischen Schwarzafrika und dem
Niltal. Vorstellbar ist, dass Vater und Sohn
Handel trieben; Kaufleute gehِrten damals
zu den einflussreichsten Personen und besassen
nicht selten mehr Macht als die Priester.
Die wiederum herrschten ueber die Heiligtuemer.
Unweit der Graeber befindet sich der aus derselben
Zeit stammende Tempel von Ain al-Muftella.
Auch hier beweisen Groesse und die sorgfaeltige
Verarbeitung der Reliefs, dass es Bahariya
damals gut ging. Der ganz in kraeftigen Gelb-
und RostRot gehaltene Pharao Amasis huldigt
neben aegyptischen Gottheiten auch Lokalgoettern,
was wiederum auf eine gewisse Unabhaengigkeit
vom machtvollen Niltal und religioese Freiheit
schliessen laest.
Nach einem Bad in Peters Quelle kommt unweigerlich
die Muedigkeit. Umso besser, denn am naechsten
Morgen soll es frueh in die Wueste gehen. Fahrer,
Fuehrer und Jeeps stehen puenktlich vor der
Tuer, und nun geht es eine gute Asphaltstrasse
Richtung Sueden. Schon weichen die Gueter
und Reisfelder wieder unabsehbaren Wuesten.
Bald wird die Landschaft dunkel - wir haben
die Schwarze Wueste erreicht. Im Tertizaer,
erklaert unser Fuehrer Abdelkader, habe sich
die Erde hier mehrmals geoeffnet und Magma
über die Zeugenberge und den Wuestengrund
gespuckt. Zeit fuer eine Teepause und die
Betrachtung des dunklen Gesteins.
Abdelkader nimmt unterdessen ein frisches
Kamelknodel vom Boden und bricht es vorsichtig
auseinander. Die Karawane kommt aus Farafra
und ist hier vor einer guten Stunde vorbeigezogen,
kommentiert er nach eingehender Inspektion.
Koeellesen habe er von seinem Grossvater
gelernt, der haeufig mit dem Kamel unterwegs
gewesen sei. Tatsaechlich treffen wir mit
unseren Jeeps nach zehn Minuten auf eine
grosse Herde. Allerdings bringt sie nicht
mehr wie im Mittelalter Straussenfedern,
Gold und Sklaven aus Nubien, sondern dient
nun den Touristen als alternatives Fortbewegungsmittel.
Wie wir wollen sie zur Weissen Wueste, doch
davor liegen die Akabat , steinerne Hindernisse,
die nur mit dem Geschick und den Gelaenekenntnissen
der Einheimischen zu ueberwinden sind.
Hoehepunkt unter den Sternen
Eine Uebernachtung - vor allem bei Vollmond
- zwischen den blaeulich glaenzenden Felsbuckeln
ist der Hoehepunkt einer Reise nach Bahariya.
Nicht nur die Einsamkeit, der prachtvolle
Sternenhimmel und das abenteuerliche Schlafen
im Zelt machen sie zum Erlebnis, sondern
auch die Geschichten und Gesaenge unserer
Fuehrer und nicht zuletzt das wohlschmeckende
Mahl, das sie fuer uns kochen. Am naechhsten
Morgen geht es endlich zur Weissen Wueste,
die unterdessen von den Oasenbewohnern als
«Mekka der Deutschen» bezeichnet wird. Bald
erscheinen die seltsamsten Skulpturen. Der
Wind hat grosse Kalksteinfelsen zu Pilzen,
Kegeln und Kreiseln gewetzt. Viele haben
dabei geradezu menschliche Gesichter bekommen,
und voller Erstaunen ruft einer von uns:
«Schau mal: Rotkaeppchen. Und Adenauer! Auch
ein Blick auf die Erde lohnt sich. Hier liegen
Steine aus Pyrit. Die Oxidation hat sie schwarz
und glaenzend gemacht, die Erosion sie zu
Chrysanthemen, Rosen, Zweigen mit Knospen
und Sternen geformt. Ein besonders wohlgeformter
wird sofort «Venus von Bahariya» getauft.
Sie und die anderen kommen in den Rucksack,
sobald er voll ist, muss eine Plastictüte
herhalten. Als spaeter die Sonne in Form eines
grossen glaenznder roten Balles untergeht, die
Zelte aufgebaut sind und von der Feuerstelle
der Duft von frischem Brot hinueberweht, stellen
wir unsere Fundstueke auf einen flachen Felsen.
Welche sollen wir mitnehmen? Alle, entscheidet
das juengste Mitglied der Expedition und nimmt
uns die schwere Entscheidung ab.
Kristina Bergmann
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